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Menschen – Stephan Gürtler, CEWE Stiftung & Co. KGaA

eisq: Menschen – Stephan Gürtler

"Ich bin dann mal... im Keller"

Faszination Jukebox

Eines meiner Lieblingsbücher heißt "Ich schraube, also bin ich" von Matthew B. Crawford. Crawford hatte sich nach einer philosophischen Ausbildung und jahrelangen wissenschaftlichen Tätigkeiten in amerikanischen Think Tanks beruflich umorientiert und beschreibt seine neue Sinnfindung in der Ausübung handwerklicher Arbeiten.

Jetzt weiß ich endlich, warum ich für meine Selbstfindung

  • nicht unbedingt den Jakobsweg beschreiten muss und dies nach den Erfahrungen von Tobias Remke (siehe 'Menschen' Januar 2015) auch definitiv nicht tun werde,
  • nicht mit dem Rucksack nach Indiens reise (auch da treffe ich sicherlich auf Bekannte),
  • keine Berge besteigen muss (die überfliege ich viel lieber).

Warum ich das schreibe: Mein Ausgleich

Neben all den virtuellen Bürotätigkeiten in Form von Projektarbeit, Meetings, Workshops etc., die sich in meinem Job in irgendeiner Weise immer in Form von Zahlen manifestieren, besteht mein Ausgleich darin, außerhalb des Berufs etwas Greifbares mit den Händen zu schaffen. Besser gesagt: wieder zu erschaffen. In wärmeren Jahreszeiten beschäftige ich mich gerne mit automobilen Young-und Oldtimern, im Winter gehe ich in meine Hobbywerkstatt in den beheizten Keller (nicht nur zum Lachen) und widme mich einer weiteren Leidenschaft:

der Restauration klassischer Jukeboxen.

Obwohl deren Glanzzeit in meiner Kindheit eigentlich schon vorbei war, haben mich immer diese alten Musikautomaten fasziniert, die man in den 1970er Jahren noch in vielen Restaurants, Gaststätten und Kneipen fand. Das Zusammenspiel mechanischer Komponenten in Verbindung mit aus heutiger Sicht 'vorsintflutlicher' Röhrenelektronik hat seinen ganz besonderen Reiz. Alles ist sichtbar, hörbar und verständlich, man ist mehr im Geschehen als bei modernen MP3-Black-Box-Geräten, die nur ein paar Knöpfe nach außen zeigen.

Die richtig schönen Exemplare aus den 1940er/50er Jahren mit offenem Plattenspiel, vielfältigen Farben, Art-Deco-Formen und opulenten Chromverzierungen in Anlehnung an das zeitgenössische Fahrzeug-, Luft-und Raumfahrtdesign waren da schon fast nicht mehr zu finden. Stattdessen dominierten ab den 1960er Jahren nüchterne, funktionale Geräte im kantigen Truhendesign. Mit der Einführung moderner Digitaltechnik und der allgemein guten Verfügbarkeit populärer Musik war aber auch damit bald kein Geld mehr zu verdienen. So verschwanden Jukeboxen nahezu vollständig aus den Lokalitäten und damit auch aus der öffentlichen Wahrnehmung.

Nicht so für Liebhaber, die Geräte in teils desolatem Zustand bei alten Automatenaufstellern, auf Böden und in Kellern von Privathäusern, Garagen, Scheunen oder Hühnerställen aufspüren und ihnen nach vielen Stunden aufwändiger Restauration neues Leben einhauchen, um an eine vergangene Unterhaltungs-und Freizeitkultur zu erinnern.

Einer davon bin ich.

Heutzutage hat sich ein fester Sammlerkreis etabliert, der sich mit diesem Thema beschäftigt. Wie auch bei automobilen Oldtimern gibt es eine internationale Szene, die sich mit der Beschaffung von Originalersatzteilen befasst und sich um die Reproduktion von Teilen kümmert, die nicht mehr aufzutreiben sind.

Spricht man den Durchschnittsbürger auf das Thema Musikboxen an, so fällt beinahe zwangsläufig der Name Wurlitzer. Tatsächlich war Wurlitzer in den 1940er Jahren neben Seeburg, Rock Ola oder Ami der führende Anbieter auf dem amerikanischen Markt. Für mich ein Grund, nach mehreren Restaurationen von Boxen aus dem 'Silver Age' der 1950er Jahre, die schon mit den damals neuen 45er Single-Platten bestückt wurden, endlich mal eine Box aus dem ausklingenden 'Golden Age', der frühen Nachkriegszeit, ins Auge zu fassen. Dazu eine solche, die noch mit 78er 'Grammophon'-Schellackplatten gefüttert werden will. Nur 24 Wahlmöglichkeiten reichten damals aus, eine Gastwirtschaft zu rocken. Erst später kamen Wechselmechanismen auf, die bis zu 200 verschiedene Titel (=100 Platten à 2 Seiten) abspielen konnten.

Technik, Handwerk und Liebe zum Detail

Vor zweieinhalb Jahren konnte ich von Freunden eine solche Wurlitzer (Modell 1100 aus dem Jahr 1948) erwerben, welche diese Jahre zuvor aus Amerika importierten. Die Box war teilzerlegt und damit natürlich nicht spielbereit, aber substanziell in Ordnung. Keine mexikanischen Termiten hatten das Gehäuse zersetzt, die Nickelteile waren zwar stumpf aber vollständig, alle Technikteile waren vorhanden. Trotzdem würde viel Arbeit anstehen.

Ich hatte mir für dieses Projekt 3 Jahre Zeit gegeben. Seitdem habe ich die Box komplett zerlegt, alle Einzelteile überarbeitet, gereinigt, geschliffen, sandgestrahlt, lackiert, neu verzinkt, vernickelt etc. Natürlich greife ich bei bestimmten 'Gewerken' auch auf das Know-how von Spezialisten zurück. Zinkdruckgussteile können nur Spezialbetriebe neu vernickeln. Auch bei komplizierten Gehäuse- und Furnierarbeiten hole ich mir Hilfe, hier sollte man seine handwerklichen Grenzen kennen, wenn es am Ende gut werden soll. Heute, rund zweieinhalb Jahre nach Restaurationsbeginn, sind alle Arbeiten rund um Gehäuse und Beleuchtungstechnik abgeschlossen, der Fortschritt ist endlich sichtbar.

Es bleibt jetzt 'nur' noch die Aufbereitung der Laufwerks-und Verstärkertechnik. Alte 78er Schellackplatten mit zeitgenössischer Swing-Musik habe ich mir auf Spezialmessen besorgt, ohne 'Software' geht auch hier nichts. Ich bin heute schon gespannt auf den ersten Tag der Inbetriebnahme.

Die letzte große Herausforderung wird am Ende wohl sein, das 150 kg schwere Teil zerstörungsfrei aus dem Keller zu wuchten und einen passenden Aufstellungsplatz im Haus zu finden.

Andererseits... Ist das dann noch wirklich wichtig?!

Wichtig ist zu diesem Zeitpunkt vielmehr eine Ehefrau, die so tolerant ist, dass ich mir mehrere dieser Dinger ins Haus stellen darf. Dafür bin ich dann aber auch öfter mal zu Hause, und nicht auf Reisen...

Über mich

Ich arbeite als Leiter Vertriebsinnendienst bei CEWE in Oldenburg und beschäftige mich schwerpunktmäßig neben verschiedenen administrativen Aufgaben im Vertrieb mit der strategischen Entwicklung unserer Aktivitäten im Kundendienst.