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Tobias Remke schreibt für Sie in Menschen

"Ich bin dann mal schnell wieder zurück!"

Mein Jakobsweg

Es ist 3 Uhr morgens, die vierwöchige Pilgerreise nach Santiago de Compostela beginnt. Der Abschied von den Lieben fällt mir schwer, aber die Vorfreude ist gleichzeitig riesengroß. Auf geht es nach Düsseldorf, Langzeitparkplatz suchen und finden, Bus zum Terminal, einchecken... Ich bin zu spät, bin aufgehalten worden, der Check-in-Schalter hat grade geschlossen, Mist!

Ich kann mein Gepäck nicht mehr aufgeben, da ich aber nur meinen 9-kg-Rucksack dabei habe, versuche ich "nur" mit Handgepäck zu reisen. Bei der Sicherheitskontrolle wird genauer hingeschaut. Ergebnis: Mein 500-ml-Shampoo ist im Müll, mein 20-teiliges Schweizer Messer ist nicht gefunden worden... Hauptsache ich kann niemandem im Flugzeug die Haare waschen!!

Trotz allem schaffe ich es pünktlich (als letzter Passagier fünf Minuten vor dem Start) in das Flugzeug und los geht es nach Madrid, von dort problemlos weiter nach Burgos, wo ich einen Tag die sehr schöne Kathedrale, die netten Straßencafés sowie die bunte Mischung der Menschen genieße.

Es geht los

Am nächsten Tag habe ich die Wanderschuhe geschnürt, die Füße vorher dick mit Hirschtalg eingecremt, den Rucksack geschultert und gehe nun immer der Muschel und dem gelben Pfeil nach. Schnell geht es in die Natur, mal rauf (12 % Steigung), mal runter, mal ebene Strecke, mal Schotter, mal Wald- und Wiesenweg und mal Asphaltpiste, jede Menge "Nichts", eine teilweise leider sehr arme und karge Gegend, die Krise der Landwirtschaft in Nordspanien ist zu erkennen. Um 12:30 Uhr habe ich nach 3,5 Stunden und 20 km mein Tagesziel "Hornillos Del Camino" erreicht.

Die erste Erkenntnis "meines" Weges: Ich bin zu spät! Alle Herbergen und Hostels sind belegt, jetzt schon, mittags... Mich erfasst eine mittelgroße Welle der Frustration, der nächste Ort ist 11 km entfernt, geht das noch, ich muss es versuchen, also weiter durch die 30 Grad heiße Meseta. Nach 7 km entdecke ich mitten im Nirgendwo ein kleines Schild "Albergue" und sehe 200 m vom Weg eine kleine Herberge namens San Bol. Es ist noch ein Bett frei, das nehme ich, 12 Euro für Bett und Pilgermenü (Paella mit Reis und Hühnchen, Salat, Vanillepudding und Rotwein). Nette Mitpilger aus der ganzen Welt lassen diesen Tag entspannt und interessant zu Ende gehen.

Morgens um halb sechs klingeln die ersten Wecker, die ersten Mitpilger "rennen" wieder los. Buen Camino! Was soll das so früh, ist das hier ein Wettrennen? Die nächsten Tage verlaufen ähnlich, ich denke viel darüber nach, ob das hier wirklich "mein" Weg ist, gehe ich diesen Weg vier Wochen und 500 Kilometer bis nach Santiago?

Es sind leider so viele Mitpilger unterwegs, ganze Schwärme, vor einem, hinter einem, neben einem, in Gruppen, alleine, laut redend, singend. Es ist ein Riesenstress, morgens als Erster loszukommen, um mittags ein Bett in einer Herberge zu bekommen. Zwischendurch pausieren und sich womöglich von Mitpilgern überholen lassen, geht gar nicht. Den ganzen Nachmittag schlägt man dann die Zeit tot.

Die Entscheidung

Ist das "mein" Sinn dieser Reise, wo bleiben die spirituellen Erfahrungen, die innere Einkehr und die Ruhe. Ich entschließe mich, meinen Weg zu beenden, ich schreibe bewusst "beenden" und nicht "abbrechen". Ein Abbruch hört sich für mich negativ an, ich beende "meinen" Weg mit einem positiven Gefühl und stehe zu meiner Entscheidung.

Ich besuche in Carrion de los Condes einen sehr schönen Pilgergottesdienst, schlafe eine Nacht in dem alten Kloster San Zoilo und trete über León und Madrid nach einer guten Woche und 100 gelaufenen Kilometern meine Rückreise nach Deutschland an.

Fazit: Der Camino de Santiago ist nicht mein Weg, leider gibt es fast nur noch Touristen und fast gar keine Pilger mehr, sehr schade!


Über mich

Ich bin seit 2010 als Steuerberater mit eigener Kanzlei in Mettingen tätig. Meine Leistungen erstrecken sich auf die Erstellung der Lohn- und Finanzbuchhaltungen, Steuererklärungen, Jahresabschlüsse sowie auf die betriebswirtschaftliche und steueroptimierende Beratung.

Tobias Remke