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Christoph Busch: Der Musikant mit dem Taschenrechner

Mögen Sie Kraftwerk? Die vier Mensch-Maschinen, die vor rund 40 Jahren die 168-Stunden-Woche eingeführt haben, während Gewerkschaften 35 Stunden propagierten? Die für uns die Veränderungen, die Technologie mit sich bringt, mit analytischer Schärfe im Pop-Format antizipiert haben?

Ich mag Kraftwerk. Mein Favorit ist das Album Radioaktivität (1975). Dennoch habe ich für diesen Beitrag ein Taschenrechner-Zitat (Computerwelt, 1981) gewählt. Drei Gründe waren für mich maßgebend: (1) das Jahr 1981, (2) die Programmatik und (3) die Bedeutung.

Das Jahr 1981

Im Jahr 1981 bin ich zehn Jahre jung. Die 1980er-Jahre werden meine Jugend bestimmen. Soft Cell veröffentlichen mit Non-Stop Erotic Cabaret eine jener Platten, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Mein weiteres musikalisches Highlight des Jahres 1981 heißt Speak & Spell. Es ist das Debüt von Depeche Mode, meiner Lieblingsband. Beiden vorangegangen waren Ende der 1970er-Jahre bereits OMD und The Human League, die die Stilrichtung des britischen Synthpops unter dem Einfluss von Kraftwerk aus Düsseldorf begründet haben. Mit Computerwelt schreiben Kraftwerk die elektronische Musikgeschichte fort: Das Album gilt als maßgeblich für den sich später entwickelnden Elektro und Techno.

Die Programmatik

Steve Jobs (Apple) hatte in seiner berühmt gewordenen Stanford-Rede (2005) einen wichtigen Aspekt des Lebens skizziert: Die Verbindungen zwischen den einzelnen Punkten eines Lebens kann man nicht in der Vorausschau, sondern nur im Rückblick erkennen.

Blicke ich auf mein Musikantenleben zurück, erinnere ich mich an meinen ersten Zahnarztbesuch. Der schaute zuerst auf meine Hände und sprach zu meiner Mutter: „Ihr Junge hat Hände für’s Klavier!“ Meine Mutter lächelte und konzentrierte sich auf meine Zähne. Ein Klavier in einer Mietwohnung hätte nicht nur die nachbarschaftlichen Verhältnisse, sondern auch die häusliche Schatulle gestört.

Somit wuchs ich ohne Klavier, dafür mit Blockflöte, Kirchenorgel und Kinderchor auf. Mein Vater brachte mich mit Jean Michel Jarre (Équinoxe, 1978) und Vangelis (Chariots of Fire, 1981) in Berührung. Mein Musiklehrer analysierte mit uns Walter (später Wendy) Carlos (Switched-on-Bach, 1968) und Isao Tomita (Pictures at an Exhibition, 1975). Ich entdeckte für mich den Sound und die Pioniere der elektronischen Musik. Sie zeigten mir die Alternative zum Klavier: den Synthesizer.

Synthesizer waren teuer und das motivierte mich: Samstags füllte ich 1.000 Briefkästen mit Werbung für 10 DM/Std. Mein erster Synthesizer kostete 1.300 DM und so hatte ich rund ein Jahr lang Zeit, jeden Samstag für jeweils drei Stunden über die Möglichkeiten des Synthesizers am Hörbeispiel von Depeche Mode nachzudenken. Ich kaufte Fachzeitschriften und las alles, was ich zum Thema finden konnte. Die Schule hingegen vernachlässigte ich: Statt im Unterricht war ich im Musikhaus anzutreffen. Ich übertreibe: Hin und wieder besuchte ich den Matheunterricht. Statt Zahlen notierte ich Noten für meine erste Komposition, For me, die ich mittags in den Synthesizer programmierte. Ich wurde zum Musikant mit Taschenrechner in der Hand:

Ich addier(t)e

Und subtrahier(t)e

Kontrollier(t)e

Und komponier(t)e

Sehr lange habe ich mit diesem musikalischen Selbstbild gehadert. Ich nahm Klavier- und Gesangsunterricht, betätigte mich als Sänger in zwei Synthpop-Duos, um ein besserer Musikant zu werden. Mit dem Start meiner Selbständigkeit als Unternehmensberater im Jahr 2004 änderte sich meine Priorität, der Taschenrechner diente fortan den Wirtschaftlichkeitsrechnungen für Serviceorganisationen.

Die Bedeutung

Kraftwerks Bedeutung für den Synthpop, Elektro und Techno hatte ich bereits herausgestellt. Insbesondere der Techno ist an mir zunächst vorüber gegangen: Während ich in der Provinz (Saarbrücken) aufwuchs, war Frankfurt die Geburtsstätte des Techno in Deutschland. Als ich im Jahr 1999 endlich nach Frankfurt kam, hatte Berlin im Zuge der Wiedervereinigung den Sound of Frankfurt längst abgelöst.

Im Jahr 2012 stellte ich nach achtjähriger musikalischer Pause fest, dass mir dieser wichtige Teil meines Lebens fehlte. Statt mich erneut dem Synthpop zu widmen, begann ich, mich für Techno zu interessieren. Initiiert wurde dieses Interesse von Vince Clark (Erasure) und Martin Gore (Depeche Mode), die gemeinsam unter dem Namen VCMG eine Techno-Platte namens Ssss (2012) veröffentlichten. Beide waren vom Minimal-Techno inspiriert. Dieser führte mich zum Detroit-Techno: Robert Hood (Minimal Nation, 1994) gewann mein Interesse. Er versteht es wie kein anderer, mit minimalen Veränderungen sich wiederholender musikalischer Muster geniale Spannungsbögen zu erzeugen. Mit seiner elektronischen Musik knüpft er zudem an die zeitgenössische Klassik des 20. Jahrhunderts an, die u. a. durch John Cage begründet und durch Steve Reich, Philip Glass, u. a. m. popularisiert wurde.

Die Neuorientierung

Das Jahr 2012 war für mich somit zunächst mit der Entdeckung von Musik geprägt, die bereits alt und dennoch neu für mich war. Ich dachte zudem über meine Zielsetzung nach und entdeckte für mich die Rolle des Komponisten. Ein Komponist ist für mich durch drei wesentliche Charakteristika geprägt: (1) Er ist Schöpfer, (2) er ist zielorientiert und (3) er ist maßgebend. Was bedeutet das?

Die musikalische Schöpfung war für mich stets wichtiger, als das Nachspielen existenter Werke. In der musikalischen Schöpfung erlebe ich meine Kreativität und fühle, pathetisch ausgedrückt, eine Nähe zu dem, was wir Gott nennen. Die Zielorientierung ist zudem eine meiner ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmale. Und maßgebend bedeutet, dass der Komponist präzise notiert, was der Musiker spielt. Dies gilt auch für solche Instrumente, die er selbst nicht beherrscht. 

Folglich ist es meine Zielsetzung, meine Kreativität regelmäßig zu fordern und bewusst zu erleben, an meinen kompositorischen Fähigkeiten durch Übung zu wachsen und den Computer als Instrument zu nutzen. Soweit die Hobby-Theorie.

The Grand Canyon Files

Anfang des Jahres 2013 entschied ich mich, zum Grand Canyon zu reisen. Als Wanderer, nicht als Tourist, wollte ich nach 10-jähriger Abwesenheit zurückkehren. Die Vorbereitungen für meine Wanderungen und meine musikalische Verarbeitung des Besuchs führten mich zu folgender Leitidee:

Denken Sie an Fotos: Sie reisen und fotografieren. Ihre Emotionen und Erinnerungen nehmen Sie mit. Ich reise und mache Audio-Aufnahmen. Meine Emotionen und Erinnerungen inspirieren meine Musik. 

Meine Leitidee heißt daher: From field recording to minimal electronic music. Der Begriff Field Recording steht für die Außenaufnahmen (das Gehörte), der Begriff Minimal für die Reduktion der Musik bzw. des Lebens auf das Wesentliche. Da für mich Bewegung (insbesondere in der Natur) von großer Bedeutung ist, ist meine Musik zudem rhythmisch angelegt.

Zurück in Frankfurt, war ich zunächst über die musikalische Entwicklung irritierte: Denkt man an den Grand Canyon, denkt man nicht an den Flug dorthin, den Shuttle Bus oder gar die Helicopter. Ich meine, die Grand Canyon Suite von Ferde Grofé gibt die klassischen Themen vor: Sonnenuntergang, Sonnenaufgang, usw. Je mehr ich mit meinen Audio-Aufnahmen arbeitete, desto mehr stellte ich fest, dass mich nicht die Clichés, sondern die Auswirkungen des Menschen auf die Natur beschäftigten. 

Als Hörbeispiel zum Einstieg empfehle ich Shuttle mit den Aufnahmen aus den Grand Canyon Shuttle Bussen, die ich während meines Aufenthalts regelmäßig nutzte.

Meine Arbeit an The Grand Canyon Files habe ich im Januar 2015 abgeschlossen. Mein nächstes Projekt widmet sich Las Vegas, dem Ort, an dem ich im vergangenen Jahr die Liebe meines Lebens nach 25 Jahren wilder Ehe geheiratet habe. Der erste Track heißt Mirage und wird – passend zu Las Vegas – im Chiptune-Sound der Videospiele am 28.05.2015 erscheinen unter www.christophbusch.org.

Über Christoph Busch

Lediglich in seiner Freizeit ist Christoph Busch der Musikant mit Taschenrechner in der Hand. Beruflich unterstützt er als Unternehmensberater seit 15 Jahren Führungskräfte erfolgreich darin, Serviceorganisationen effektiv und effizient zu gestalten. Passend zu Kraftwerk und seiner Lieblingsplatte Radioaktivität ist er seit der Liberalisierung des Strommarktes für Energieversorger tätig.